Reiseberichte aus dem Sanella-Album Mittel- und Südamerika

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Da müssen Indianer die Kähne mit Seilen vom Ufer aus ziehen. Eine verdammt schwere Arbeit in der Hitze! Weiter talwärts sind wir mit einem Flußdampfer stromab gefahren. Seltsame Fahrzeuge sind das. So flach, daß Kessel und Maschinen auf Deck stehen müssen. Am Heck ist ein gewaltiges Schaufelrad angebracht. Der Kapitän muß trotzdem noch höllisch aufpassen. Wenn nicht gerade Regenzeit ist, gibt es überall sehr gefürchtete Untiefen mit Sandbänken, auf denen schon mancher Magdalenendampfer festgefahren ist. Die Schiffe sehen ziemlich vorsintflutlich aus. Kabinen und Promenadendeck befinden sich auf einem Aufbau, Gott sei Dank eine etwas luftige Angelegenheit. Wir fahren piekfein erster Klasse. Ich muß meine Kabine aber immer nach wenigen Minuten wieder fluchtartig verlassen. Du kannst es drinnen einfach vor Hitze nicht aushalten.

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Nachts haben wir draußen auf dem Oberdeck Hängematten aufgespannt und unter Moskitonetzen ganz gut gepennt. Am liebsten halte ich mich aber auf dem unteren Deck auf. Du kannst es zwar auch hier vor Hitze kaum aushalten, aber es gibt immer was zu sehen. Da liegen und hocken die Eingeborenen in buntem Durcheinander zwischen Kisten und Fässern und Kaffeesäcken. Vorhin habe ich etwas Merkwürdiges erlebt. Es war Mittagszeit. Wir hatten oben im "Salon" schon vornehm gespeist. Fernandez und Onkel Tom hielten in der Hängematte Siesta. Ich stromerte auf dem Unterdeck umher. Schleppen da zwei Kerle von der Schiffsmannschaft mehrere Schüsseln - wahre Waschkessel - auf Deck.

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Hast Du nicht gesehen, hocken Passagiere und Schiffsmannschaften um die dampfenden Schüsseln wie die Hühner um den Körnernapf und langen mit bloßen, nicht gerade mustergültig sauberen Händen ungeniert zu. Es war das reinste Wettangeln, wer die fettesten Bissen erwischte. Ich hab' mir auch den Speisezettel für die Massenabfütterung angesehen: gekochte Bananen, Süßkartoffeln, Fleisch und Fisch. Das gibt es etwas eintönig dreimal am Tage. Das Erscheinen der bis zum Rand gefüllten Blechschüsseln an Deck ist die einzige Sensation in dem täglichen Einerlei an Bord. - Aber heute passierte doch noch etwas. Wir kamen mit unserem talwärts fahrenden Dampfer gerade zurecht, als ein stromauf ziehendes Schiff von einem unter Wasser in der Strömung schwingenden Baumstamm gerammt wurde. Solche heimtückischen Rammböcke sind neben den Sandbänken hier die größte Gefahr. Der Dampfer bekam am Bug, dicht unter der Wasserlinie, ein Loch und sackte im Handumdrehen bedenklich weg. Auf dem Deck entstand ein wildes Durcheinander. Weiber kreischten, die Mannschaften bemühten sich, die Ladung, die ins Rutschen gekommen war, zu retten. Wir gingen längsseits und nahmen die Passagiere über. Mehr Raum war nicht zur Verfügung. Mannschaft und Ladung mußten drüben bleiben. Inzwischen saß der havarierte Dampfer auf Grund, und die Mannschaft hoffte auf einen Hilfsdampfer, den wir vom nächsten Hafen aus heraufschicken sollten.

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